Schlechte Qualität durch maschinelle Weinlese – ein Mythos?

Spricht man über Wein, formen sich in den Köpfen meist romantische Naturszenen von gepflegten Landschaften oder Bilder lustiger Zecher in rustikalen Kellern. Gerne wird vergessen, dass die Arbeit im Weingarten und im Keller teilweise ein Knochenjob ist, der erst mit der Einführung zahlreicher Maschinen etwas leichter und angenehmer wurde.

Interessanter ist, dass für den Konsumenten die Einführung verschiedenster Maschinen im Keller überhaupt kein Problem darstellt, aber die Mechanisierung des Weingartens für Weinkonsumenten immer mit dem Image einer schlechten Weinqualität verbunden ist. Auch wird bei hochwertigen Weinen gerne betont, dass die Lese per Hand stattgefunden hat.
Aber stimmt das? Ist Wein, der von Hand gelesen wurde, immer besser; gibt es überhaupt Qualitätsunterschiede?

Die Antwort ist “Jaein”

Diese Fragen kann man mit einem eindeutigen „Jaein“ beantworten. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen maschineller Lese und Handlese, wobei hier die Trennlinie nicht zwischen Maschinenarbeit und Handarbeit verläuft – es geht viel mehr um die generelle Qualität der Arbeit und die technischen Voraussetzungen.

In Steillagen ist mit dem momentanen Stand der Technik gar keine Maschinenlese möglich, auch wenn die Weingärten zu kleinstrukturiert sind, ist diese nur bedingt sinnvoll. Weiters muss die Erziehung der Reben an den Maschineneinsatz angepasst werden und es muss natürlich mit modernen Gerätschaften gearbeitet werden. Womit wir bei der „Qualität der Arbeit“ wären: Was bei der maschinellen Lese der moderne Traktor ist, ist bei der Handlese das gut geschulte Lesepersonal.

Vorteile des Traubenvollernters

Bei der mechanischen Lese werden moderne Überzeilengeräte (siehe Bild) mit vibrierenden Glasfiberstäben eingesetzt, die dafür sorgen, dass die Traubenbeeren von den Rebstöcken auf ein Förderband fallen und von hier direkt in die Lesekisten gelangen. Die modernen Maschinen erlauben dabei sehr feine Einstellungen, so dass alle Trauben unverletzt geerntet werden können.
Bis zu diesem Schritt ist die Lese mit Maschinen und von Hand auf Augenhöhe. Aber jetzt kommt ein großer Vorteil der Mechanisierung zum Tragen, die Geschwindigkeit. Denn die maschinelle Lese geht wesentlich schneller, weshalb das Lesegut binnen kürzester Zeit in den Keller verfrachtet werden kann.

Nun wird vielleicht manch einer einwenden, dass die Lesemaschinen nicht zwischen guten und schlechten Trauben – wie es Lesearbeiter tun – unterscheiden können. Auch dies ist bei modernen Lesemaschinen teils schon technisch gelöst: Durch optische Sensoren können einzelne Trauben mit Hilfe von Druckluft aussortiert werden. Und auch bei der Handlese wird oftmals auf Selektion im Weinkeller gesetzt.

Mindestens ebenbürtig

Man kann also festhalten, wenn ordentlich gearbeitet wird, ist die maschinelle Lese der Handlese mindestens ebenbürtig. Man braucht sich als Konsument also keine Sorgen um die Weinqualität zu machen.

Aber neben dem Qualitätsaspekt kommt auch eine wirtschaftliche Komponente hinzu. Moderne Traubenvollernter kosten zwischen 200.000 und 250.000 Euro. Für einen kleinen Winzer natürlich nicht leist-, aber mietbar …

Ein Vollernter schafft einen Hektar Rebfläche in ca. einer Stunde und kostet dabei ca. 1.000 Euro (diese Zahlen stellen nur Richtwerte dar und können natürlich variieren).

Geht man davon aus, dass ein kleiner Winzer ein bis zwei Hektar Rebfläche hat, dann ist für ­diesen die Lese in zwei Stunden erledigt, das Material im Keller und es kann weiter gearbeitet werden.
Bei der Lese von Hand schafft man mit ca. 20 Lesehelfern in einer Stunde einen Hektar. Eigentlich ein ganz guter Wert. Dazu kommen aber zwei weitere Probleme.

Erstens muss man Lesehelfer bei der Hand haben. Im Normalfall kein Problem, hat man sich ja über die Jahre ein Netzwerk an Freunden, Verwandten oder Hilfsarbeitern aufgebaut. Die Corona-Pandemie hat aber gezeigt, wie schnell so ein Netzwerk außer Kraft gesetzt werden kann. Ein zweiter Aspekt ist die Anmeldung der Helfer.

Vor wenigen Jahren noch keine große Sache. Freunde und Bekannte bekommen einen Jause, Hilfsarbeiter vielleicht etwas Schwarzgeld. Nun schaut es so aus, dass jeder angemeldet werden muss und sogar eine Jause sozialversicherungspflichtig ist. Hier bietet ein gemieteter Vollernter den Vorteil, dass ein Rechnung der einzige Verwaltungsaufwand ist.

Was sich hier bei allen Argumenten zeigt, wenn die technischen Voraussetzungen passen, handelt es sich meist um eine philosophische und witschaftliche Entscheidung, aber nicht um eine Qualitätsfrage.

Bild:
Weinreben: PxHere
Traubenvollernter, Matthias Böckel auf Pixabay